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„Wenn ich Boxerfilme sehe, blutet mein Boxerherz“
Marion Einsiedel, die erste deutsche Boxerin, über das Einverständnis, sich gegenseitig weh zu tun.
Marion Einsiedel, heute 38 Jahre alt, war die erste Frau, die in Deutschland einen offiziellen Boxkampf
bestritten hat. Die Hamburgerin ist im Besitz der B-Lizenz als Boxtrainerin. Außer mit Freizeitboxern arbeitet
sie in einem Fitness-Studio und mit einer Senioren-Sportgruppe. Bei Boxerfilmen blutet ihr das Herz, weil Publikum
dort Vorurteile gegen Boxen bestätigt sieht. „Million Dollar Baby“ will sie sich ansehen,
„falls sich die Gelegenheit dazu ergibt“.
Kann jede Frau Boxtrainerin werden?
Theoretisch ja. Jeder Mensch kann Boxtrainer werden. Man muss sich nur für einen Lizenz-
lehrgang anmelden.
Wenn man die Prüfung besteht, ist man Boxtrainer.
Und mit so einer Lizenz kann man dann auch Profiboxer trainieren?
Profisport ist ganz was anderes. Profisport ist, wenn ich zu einem Boxmanager gehe und sage: Hey, stell mich an,
ich bin super. Im Prinzip geht das auch ohne Lizenz.
Warum ist Boxen Ihr Sport?
Boxen ist eine spannende Sache. Zum einen ist das Training – das weiß mittlerweile wahrscheinlich
fast jeder – sehr umfassend und abwechslungsreich. Zum anderen sind die Bewegungsabläufe
wunderschön. Es ist wie Tai Chi, nur schneller. Du hast da keine abgehackten Bewegungsabläufe; es sind
alles fließende Übergänge, wenn man es richtig macht. Und dann natürlich der Kontakt mit dem
Partner, der nicht immer so will, wie man selber will. Das macht die ganze Sache interessant.
Sie reden vom Gegner als Partner?
Im Verein habe ich eigentlich nur Partner.
Auch im Ring beim Kampf?
Ja. Man will natürlich gewinnen, will besser sein als der andere, man will mehr treffen als der andere, aber
man hört ja auch sofort auf zu schlagen, wenn der andere angeschlagen ist. Oder wenn ihm zum Beispiel der
Kopfschutz verrutscht. Aber bei meinen Kämpfen war es auch schon mal so, dass ich weitergeschlagen habe,
nachdem der Ringrichter stopp gerufen hat, weil ich es einfach nicht gehört habe. Da bist du völlig auf
Adrenalin, du siehst und hörst nichts mehr. Deswegen sollten Ringrichter auch immer laut, immer präsent
sein. Aber ich habe nicht jemanden weh zu tun oder jemanden zu verletzen, wenn er nicht damit einverstanden ist.
Was bedeutet „damit einverstanden“?
Es wird am Anfang des Kampfes eine stille Vereinbarung getroffen: Wir gucken jetzt, wer der Bessere ist. Kann
vielleicht schmerzhaft sein, dass einer von uns danach ein blaues Auge hat.
Das ist das ungeschriebene Gesetz?
Richtig. Du boxt ja freiwillig, du gehst freiwillig da hoch. Das ist, was viele Leute überhaupt nicht im
entferntesten bedenken, wenn sie behaupten, Boxen sei brutal, und man schlage sich den Schädel ein. Ich finde
im täglichen Leben viele Menschen sehr viel brutaler als meine Boxer im Verein.
Die würden keiner Fliege
was zuleide tun. Dabei würde es einigen Leuten gut tun, mal ein Jahr lang Boxtraining mitzumachen. Es würde
ihnen die Augen öffnen.
In welcher Beziehung?
Boxen ist sehr direkt. Du hast keine Möglichkeit Dich zu verstellen oder zu intrigieren. Du musst ehrlich
sein, du musst den geraden Weg gehen. Das wirkt sich auch aufs tägliche Leben aus.
Ich finde es schade, dass
sich viele keine Mühe geben, das Boxen kennen zu lernen, sondern verunglimpfen als brutale Sportart.
Ist das eigentlich eher ein männliches oder weibliches Vorurteil?
Das geht quer durch die Bank. Es ist auch egal, ob ein Mann oder eine Frau die Sportart betreibt.
Ein Mann
hört sich genauso viele Vorurteile an wie ich.
Haben Sie in Ihrem Leben öfter gegen Männer oder gegen Frauen geboxt?
Gegen Männer. Es gibt ja nach wie vor kaum Frauen, die boxen.
Schlagen Männer richtig zu gegen eine Frau?
Viele haben anfangs Hemmungen. Einmal hat mein Trainer zu einem meiner Sparringspartner gesagt: Du brauchst auf
sie keine Rücksicht nehmen, die nimmt ja auch auf dich keine Rücksicht.
Es gibt einige Männer, die am
Anfang Probleme haben, aber die verlieren sich ganz schnell, wenn sie merken, dass du da als Frau keine falsche
Bescheidenheit an den Tag legst. Wer wird schon gerne geschlagen, ohne sich zu wehren? Niemand, glaube ich.
Lernt mal das also beim Boxen: sich zu wehren?
Ich denke schon. Wobei ich nicht weiß, ob mir das was nützt, wenn ich auf der Straße angemacht
werde. Beim Boxen weiß ich, was auf mich zu kommt, auf der Straße weiß ich das nicht. Und wenn ich
es wüsste, dann hätte ich so viel Schiss, dass ich gar nicht richtig reagieren könnte.
Die erste Frau, die in Deutschland geboxt hat, bekommt Schiss?
Klar. Dadurch, dass ich jahrelang geboxt habe, weiß ich, dass ich gegen einen Mann keine Chance habe. Die
Chance, die du als Frau hast, ist, den Überraschungsmoment auszunutzen: eine reinhauen, Tritt vors Knie und
ganz schnell weg sein. Eine andere Chance hast Du als Frau nicht.
Wie viele Leute trainieren Sie im Schnitt in Ihrem Verein?
Pro Trainingseinheit 15 bis 20 Leute.
Und wie viele Frauen?
Im Schnitt zwei.
Wenn nach ein, zwei Jahren ihre Boxer auf Sie zukommen und sagen: Ich will kämpfen –
wie reagieren Sie?
Ich freue mich, wenn jemand kämpfen will. Das ist die Herausforderung, sowohl für den Schützling
als auch für mich. Man weiß ja lange nicht, ob der Mensch zum Kämpfen psychisch geeignet ist. Das
zeigt sich ja erst beim ersten richtigen Kampf im Ring.
Nicht vorher?
Nein. Ich habe das schon zweimal gehabt: Superboxer, Trainingsweltmeister können sofort alles umsetzen.
Stehen sie aber im Ring, muss ich nach zwanzig Sekunden das Handtuch werfen. Sie haben alles vergessen.
Signalisiert Ihnen der Boxer während des Kampfes, dass er die Aufgabe wünscht?
Nein, das entscheide ich.
Und wenn er im Ring dann aber nicht mehr weiterkämpfen will, Sie aber wollen, dass er weiterkämpft?
Das mache ich nicht. Wenn er nicht mehr will, dann will er nicht. Aber ich treffe mit dem Menschen ja vorher eine
Vereinbarung. Ich sage: Ich bereite dich vor, ich mache das gerne, aber unter gewissen Bedingungen. Die Bedingungen
lauten: dreimal pro Woche Boxtraining; einmal die Woche laufen, zusätzlich. Und dann nicht kneifen, kurz vorm
Ziel.
Wie lange hat es bei Ihnen bis zum ersten Sparring gedauert?
Ich musste erst den Verein wechseln. Mein erster Trainer sagte immer nur: Es ist verboten, verboten. Vielleicht
gab es einfach nicht genügend Frauen, die sich dafür interessiert haben, in den Ring zu steigen. Ich musste
erst mal zwei Jahre warten, bis ich kämpfen durfte.
Haben Sie Meisterschaften gewonnen?
Einmal eine Hamburger Meisterschaft, da gab es eine andere Boxerin. Die hatte sich runtergehungert, und ich hatte
mich fett gefressen, und schon waren wir in einer Gewichtsklasse
und durften eine Meisterschaft austragen. Im Prinzip
sind Meisterschaften für Frauen aber erst in Schwung gekommen, als ich aufhören musste.
Macht es einen Unterschied, ob der Boxtrainer eine Frau oder ein Mann ist?
Es gibt schon Unterschiede. Wenn ich als Frau eine Gruppe leite, fördere ich das Miteinander, ein Mann eher
das Gegeneinander, was auch gut sein kann. Aber mir ist umgekehrt lieber.
Stehen Sie auch nachts um halb vier auf, um einen Klitschko-Kampf anzugucken?
Ich sehe mir ganz selten Profiboxkämpfe an. Ich brauche sehr viel Schlaf, und die Klitschkos sind
es mir
nicht wert. Da verfolge ich lieber Amateurkämpfe, die sind spannender.
Schauen Sie sich Boxerfilme an?
Ach, nein. Wenn man von etwas Ahnung hat, dann sollte man es nicht als Film gucken. Diese Boxfilme, wo einer
schön von der Seite mit der Innenhand ein paar Heumacher haut und dann aufhört, damit der andere schlagen
darf, da blutet mein Boxerherz. Ich hatte ja immer das Problem, dass ich gegen so viele Vorurteile ankämpfen
musste. Und in diesen Filmen werden diese Vorurteile dann nur noch bestätigt.
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